KI war für mich schon früh ein ausgesprochen hilfreiches Werkzeug, um einzelne Investmentideen zu durchdenken, weil sich Aktien, thematische ETFs, Geschäftsmodelle, Sondersituationen oder neue Technologien damit wesentlich schneller strukturieren ließen. Annahmen, Gegenargumente und Risiken konnten innerhalb kurzer Zeit aus unterschiedlichen Richtungen betrachtet werden. Gerade in jener früheren Phase, aus der sich später meine heutige VFG-Logik mit einer stärker funktionalen Ordnung des Portfolios herausbildete, stand dabei häufig die einzelne Investmentidee im Mittelpunkt.

Ist dieser ETF interessant? Wie attraktiv ist dieses Geschäftsmodell? Welche Chancen und Risiken ergeben sich? Welche Gewichtung wäre vertretbar?

Rückblickend fällt mir auf, dass solche Diskussionen erstaunlich häufig an einer ähnlichen Stelle endeten: bei einer kleinen Position, vielleicht drei bis fünf Prozent, ausdrücklich als Beimischung oder Satellit. Das war für sich genommen oft plausibel, weil zwischen einer klaren Ablehnung und einer Überzeugung, die ein substanzielles Gewicht rechtfertigt, ein breiter Bereich liegt. Eine Idee kann interessant genug erscheinen, um sie nicht vollständig zu verwerfen, und gleichzeitig ausreichend Unsicherheit enthalten, um die Position klein zu halten.

Eine solche Empfehlung ist schwer angreifbar. Sie begrenzt das Risiko, erhält die Chance und vermeidet eine besonders harte Entscheidung.

Erst später wurde mir klarer, dass genau darin ein systemisches Problem liegen kann.

Die Antwort liegt auf der Ebene, auf der die Frage gestellt wird

Wenn ich eine einzelne Aktie oder einen ETF analysieren lasse, liegt der Fokus zunächst auf diesem Investment. Wie attraktiv ist das Geschäftsmodell, welche Chancen und Risiken bestehen, wie ist die Bewertung, welche Szenarien sind denkbar?

Das sind sinnvolle Fragen, doch die eigentliche Portfolioentscheidung findet auf einer anderen Ebene statt. Dort wird zusätzlich relevant, welche Funktion der neue Baustein erfüllen soll, welche Risiken bereits vorhanden sind und wo Überschneidungen entstehen. Ebenso wichtig ist, wie viel Komplexität das Portfolio verträgt und ob die neue Position tatsächlich besser ist als etwas, das bereits im Depot liegt.

Eine KI kann diese Systemebene berücksichtigen, sobald sie ausreichend Teil des Kontexts und der Fragestellung ist. Wird dagegen nur das einzelne Investment betrachtet, kann auch eine sehr gute Analyse kaum beantworten, welche Opportunitätskosten seine Aufnahme im Gesamtportfolio verursacht.

Die Antwort liegt auf der Ebene, auf der die Frage gestellt wird.

Die Frage „Ist dieses Investment attraktiv?“ ist deshalb eine andere als „Verdient dieses Investment einen Platz in genau diesem Portfolio?“

Ein überzeugendes Ja auf die erste Frage kann ohne Widerspruch mit einem klaren Nein auf die zweite enden. Genau diese Unterscheidung ist für mich rückblickend wesentlich geworden, weil VFG weniger verändert hat, wie ich ein einzelnes Investment analysiere, als die Frage, wann aus einer guten Analyse überhaupt eine Portfolioentscheidung werden darf.

Der Schaden entsteht erst in der Summe

Eine einzelne Position von drei Prozent verändert ein Portfolio kaum. Zwölf solcher Positionen machen bereits 36 Prozent aus.

Entscheidend ist dabei weniger diese konkrete Zahl als die Struktur, die dahinter entstehen kann: zwölf unterschiedliche Thesen, zwölf Geschäftsmodelle oder Themen, die verstanden, beobachtet und bei veränderter Ausgangslage neu beurteilt werden müssen. Gleichzeitig können sich Überschneidungen bilden, die bei jeder einzelnen Entscheidung kaum auffallen, weil mehrere Positionen letztlich auf ähnlichen technologischen, makroökonomischen oder marktbezogenen Annahmen beruhen.

Über Zeit kann so ein Portfolio entstehen, dessen einzelne Bestandteile jeweils gut begründet sind und dessen Gesamtstruktur trotzdem zunehmend schwerer zu erklären ist.

Welcher Baustein erfüllt welche Funktion? Welche Position ist tatsächlich wesentlich? Welche Risiken tauchen mehrfach auf? Welche These würde ich heute noch einmal kaufen? Und welche Position befindet sich eigentlich nur deshalb im Depot, weil es zum Zeitpunkt ihrer Analyse keinen ausreichend starken Grund gab, sie vollständig abzulehnen?

Das Bemerkenswerte daran ist, dass keine dieser Empfehlungen für sich genommen zwingend schlecht gewesen wäre. Jede einzelne Beimischung hätte sich plausibel begründen lassen. Erst wenn man derselben Logik wiederholt gefolgt wäre, hätte daraus schrittweise ein Portfolio entstehen können, das als Ganzes nie bewusst so geplant war.

Die möglichen Kosten wären damit auf einer anderen Ebene sichtbar geworden als die Begründung der einzelnen Empfehlung.

Die Reibung als unbeabsichtigte Disziplin

Der naheliegende Einwand ist berechtigt: Portfolios mit zu vielen kleinen Positionen gab es lange vor generativer KI. Anleger haben schon immer neue Ideen gesammelt, Gewinner behalten, alte Thesen nicht konsequent beendet und über Jahre Strukturen aufgebaut, die irgendwann nur noch schwer zu überblicken waren.

Dafür brauchte es kein Sprachmodell.

Was sich in den vergangenen Jahren verändert hat, ist aus meiner Sicht vor allem die Geschwindigkeit, mit der neue Investmentideen entstehen, geprüft und umgesetzt werden können.

Soziale Medien, Podcasts, Newsletter und spezialisierte Finanzformate sorgen dafür, dass uns laufend neue Unternehmen, Themen und Investmentgeschichten begegnen. Ein Geschäftsmodell, von dem man morgens noch nie gehört hat, kann am Nachmittag bereits plausibel und investierbar erscheinen. Moderne Broker haben gleichzeitig die praktische Hürde zur Umsetzung stark reduziert. Ein neuer ETF oder eine zusätzliche Aktie sind heute häufig nur wenige Klicks entfernt.

KI fügt dieser Entwicklung eine weitere Ebene hinzu, weil sich eine interessante Idee innerhalb kurzer Zeit strukturieren, analysieren und mit Gegenargumenten konfrontieren lässt.

Damit wird der gesamte Weg von der ersten Idee bis zur umsetzbaren Investmentthese kürzer.

Früher musste eine Idee zunächst gefunden werden. Anschließend mussten Geschäftsberichte, Kennzahlen und Brancheninformationen zusammengesucht und eingeordnet werden, und selbst die praktische Umsetzung war häufig mit mehr Reibung verbunden als heute. Dieser Aufwand war keineswegs nur positiv, hatte allerdings eine unbeabsichtigte disziplinierende Wirkung, weil schon aus Zeitgründen nur eine begrenzte Zahl von Ideen mit vergleichbarer Tiefe geprüft werden konnte.

Ein großer Teil dieser Reibung verschwindet.

Das ist grundsätzlich ein Fortschritt. Informationen sind breiter verfügbar, Analysen lassen sich schneller vorbereiten, und auch Privatanleger können heute eine Qualität der Vorarbeit erreichen, die vor einigen Jahren deutlich schwerer zugänglich war. Gleichzeitig sinken damit jene natürlichen Hürden, die früher ganz nebenbei verhindert haben, dass jede interessante Idee zu einer neuen Position wird.

Es wird leichter, eine neue Investmentidee zu entdecken. Es wird leichter, eine gute Begründung dafür zu entwickeln. Und es wird leichter, sie anschließend umzusetzen.

Damit verschiebt sich der Engpass.

Wenn interessante Investmentthesen knapp sind, begrenzt bereits ihre Entstehung die Zahl möglicher Entscheidungen. Wenn plausible Thesen nahezu unbegrenzt verfügbar werden, gewinnt die Fähigkeit an Bedeutung, eine gute Idee bewusst nicht umzusetzen.

In einer Welt billiger Investmentthesen wird „Nein“ wertvoller.

Was sich mit VFG für mich verändert hat

Aus diesen Erfahrungen hat sich mein Blick auf neue Investments schrittweise verändert.

Die Analyse des einzelnen Bausteins bleibt wichtig, doch die Entscheidung beginnt für mich heute deutlich früher auf Portfolioebene. Eine kleine Position besitzt noch keine erkennbare Funktion, nur weil sie klein ist. Gerade im Growth- oder Optionalitätsbereich kann eine begrenzte Gewichtung vollkommen sinnvoll sein, wenn hohe Unsicherheit und asymmetrisches Potenzial bewusst zusammengehören.

Entscheidend ist dann, dass nachvollziehbar bleibt, welche Chance abgebildet wird, welches Risiko akzeptiert wird und weshalb gerade dieser Baustein innerhalb des Gesamtsystems sinnvoll erscheint.

Problematisch wird eine kleine Position dort, wo ihre Größe die fehlende Verortung ersetzt.

„Interessant, aber unsicher, deshalb drei Prozent“ reicht als Portfoliologik nicht aus.

Welche Aufgabe soll dieses Investment überhaupt erfüllen?

Dient es der Stabilität? Soll es langfristig substanziellen Mehrwert schaffen? Oder bildet es bewusst eine asymmetrische Chance ab, bei der ein begrenzter Einsatz einem deutlich größeren möglichen Ertrag gegenübersteht?

Erst aus dieser Verortung ergibt sich für mich sinnvoll, ob eine Position überhaupt notwendig ist und welche Größenordnung zu ihrer Funktion passt.

Die Ersatzfrage

Solange zusätzliches Kapital einfach weiter verteilt wird, konkurriert eine neue Idee im Wesentlichen nur mit dem Nichtstun.

Genau deshalb ist für mich inzwischen eine zweite Frage entscheidend, weil sie den Blick unmittelbar vom neuen Investment auf das bestehende Portfolio lenkt:

Wenn ich dieses Investment kaufe: Was weicht dafür?

Die Ersatzfrage schafft echte Konkurrenz. Wenn dafür eine bestehende Position reduziert oder verkauft werden müsste, reicht es nicht mehr, dass die neue Idee gut ist. Sie muss sich gegen etwas behaupten, das bereits vorhanden ist, und ausreichend attraktiv sein, um zusätzliche Unsicherheit, mögliche Transaktionskosten, steuerliche Folgen oder eine Veränderung der Portfoliostruktur zu rechtfertigen.

Damit werden Opportunitätskosten sichtbar, die bei der isolierten Analyse eines Investments leicht unsichtbar bleiben.

Ein neuer Baustein, der nichts verdrängt, ist zunächst eine Ergänzung.

Und Ergänzungen summieren sich.

Ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis

Bei der späteren Prüfung eines neuen KI-ETFs wurde dieser Unterschied für mich sehr konkret.

Zu diesem Zeitpunkt war die VFG-Logik bereits wesentlich stärker ausgebildet. Das Produkt selbst war nachvollziehbar konstruiert, die Kosten erschienen vertretbar, das Thema künstliche Intelligenz langfristig relevant und die grundsätzliche Investmentthese plausibel. Isoliert betrachtet hätte sich eine kleine Position problemlos begründen lassen.

Genau das wäre in der früheren Logik wahrscheinlich der naheliegende Ausgang gewesen: ein interessanter Satellit, klein genug, um das Gesamtrisiko kaum zu verändern, und groß genug, um an einer möglichen positiven Entwicklung teilzunehmen.

Die entscheidende Frage lautete diesmal allerdings:

Welche bestehende Position würde ich für diesen ETF reduzieren?

Darauf hatte ich keine überzeugende Antwort.

Der Fonds hätte keine erkennbare Lücke geschlossen, sondern wäre neben bereits vorhandene Bausteine mit teilweise ähnlicher Ausrichtung getreten. Seine Aufnahme hätte das Portfolio erweitert, ohne seine Struktur für mich klarer oder besser zu machen.

Das Urteil lautete deshalb: interessant, aber nicht notwendig.

Kein zusätzlicher Satellit.

Das Produkt war dadurch nicht schlechter geworden, und auch die Analyse hatte sich nicht grundlegend verändert. Verändert hatte sich der Maßstab.

Aus einer Produktentscheidung war eine Portfolioentscheidung geworden.

Gerade dieses Beispiel beschreibt für mich heute sehr gut, welchen praktischen Unterschied die funktionale Ordnung von VFG machen kann. Sie liefert keine automatische Antwort darauf, ob ein bestimmtes Investment gut oder schlecht ist, schafft aber einen Rahmen, in dem die Einzelanalyse innerhalb eines größeren Systems beurteilt werden muss.

Auch diese Logik hat einen blinden Fleck

Die Ersatzfrage klingt streng und kann selbst zu weit führen.

Ein Portfolio, in dem jede neue Idee zwingend eine bestehende Position verdrängen muss, könnte unnötig statisch werden. Neue Anlageklassen, strukturelle Veränderungen oder tatsächlich neue Chancen würden dann womöglich an einem System scheitern, das seine bestehende Ordnung zu stark schützt.

Auch ein gut strukturiertes Portfolio kann blinde Flecken besitzen.

Für mich liegt der Wert der Ersatzfrage deshalb weniger in einer unverrückbaren Regel als in der zusätzlichen Hürde, die sie schafft. Sie zwingt dazu, Opportunitätskosten ausdrücklich mitzudenken und verhindert, dass „zusätzlich“ zur selbstverständlichen Antwort auf jede interessante Idee wird.

Wenn eine neue Möglichkeit stark genug ist, kann die richtige Konsequenz darin bestehen, eine bestehende Struktur zu verändern, Kapital neu zu verteilen oder sogar eine neue Funktion innerhalb des Portfolios zu ergänzen.

Der bestehende Rahmen soll Entscheidungen strukturieren. Er darf nicht verhindern, dass sich der Rahmen selbst weiterentwickelt.

Die eigentliche Entscheidung beginnt nach der Analyse

Ein Portfolio ist ein System aus begrenztem Kapital, begrenzter Aufmerksamkeit, unterschiedlichen Funktionen und bewusst eingegangenen Risiken. Jede neue Position beansprucht einen Teil dieser Ressourcen und verändert damit auch die übrige Struktur.

Gerade weil soziale Medien, Podcasts, moderne Broker und KI den Weg von einer interessanten Idee bis zu einer umsetzbaren Investmentthese immer kürzer machen, wird diese Systemebene wichtiger.

Die eigentliche Frage beginnt dort, wo die Analyse des einzelnen Investments endet: Ist es attraktiv genug, um einen Platz zu verdienen?