KI war für mich schon früh ein ausgesprochen hilfreiches Werkzeug, um einzelne Investmentideen durchzudenken, allen voran Aktien.
Damals stand dabei häufig die einzelne Idee im Mittelpunkt. Ist dieser ETF interessant? Wie attraktiv ist das Geschäftsmodell? Welche Chancen und Risiken ergeben sich? Welche Gewichtung wäre vertretbar?
Rückblickend fällt mir auf, dass solche Diskussionen erstaunlich häufig an einer ähnlichen Stelle endeten: bei einer kleinen Position, vielleicht 3–5 %, ausdrücklich als Beimischung oder Satellit. Das war prima facie schwer angreifbar. Die Idee war interessant genug, um sie nicht vollständig zu verwerfen, und gleichzeitig unsicher genug, um die Position klein zu halten. 3 % tun nicht weh. Genau darin liegt ein Teil des Problems.
Die Antwort liegt auf der Ebene, auf der die Frage gestellt wird
Wenn ich eine einzelne Aktie oder einen ETF analysieren lasse, liegt der Fokus zunächst auf diesem Investment. Wie attraktiv ist das Geschäftsmodell, welche Chancen und Risiken bestehen, wie ist die Bewertung, welche Szenarien sind denkbar?
Das sind alles sinnvolle Fragen. Die Portfolioentscheidung findet aber auf einer anderen Ebene statt. Dort interessiert zusätzlich, welche Funktion der neue Baustein erfüllen soll, welche Risiken bereits vorhanden sind, wo Überschneidungen entstehen, wie viel Komplexität ich mir überhaupt leisten möchte und ob die neue Position besser ist als etwas, das bereits im Depot liegt.
Eine KI kann diese Systemebene selbstverständlich berücksichtigen, sobald sie Teil des Kontexts und der Fragestellung ist. Wird dagegen nur das einzelne Investment betrachtet, bleibt leicht unsichtbar, was seine Aufnahme für das Gesamtsystem bedeutet.
Die Antwort liegt auf der Ebene, auf der die Frage gestellt wird.
„Ist dieses Investment attraktiv?“ ist eben eine andere Frage als „Verdient dieses Investment einen Platz in genau diesem Portfolio?“ Ein überzeugendes Ja auf die erste kann problemlos mit einem Nein auf die zweite enden.
VFG hat für mich deshalb weniger verändert, wie ich ein einzelnes Investment analysiere, als die Frage, wann aus einer guten Analyse überhaupt eine Portfolioentscheidung werden darf.
Das Problem wird erst in der Summe sichtbar
Eine einzelne Position von 3 % verändert ein Portfolio kaum. Zwölf solcher Positionen machen bereits 36 % aus.
Die Rechnung ist banal, die Konsequenz weniger. Hinter diesen 36 % stehen nämlich zwölf Thesen, Geschäftsmodelle oder Themen, die verstanden, kontinuierlich beobachtet und bei veränderter Ausgangslage neu beurteilt werden müssen. Gleichzeitig können sich Überschneidungen bilden, die bei jeder Einzelentscheidung harmlos wirken und erst im Gesamtbild sichtbar werden.
Dann steht man irgendwann vor einem Portfolio, dessen einzelne Bestandteile jeweils gut begründbar sind, während die Gesamtstruktur immer schwerer zu erklären ist. Welcher Baustein erfüllt welche Funktion? Welche Position ist tatsächlich wesentlich? Welche Risiken tauchen mehrfach auf? Welche These würde ich heute noch einmal kaufen?
So kann schrittweise still und heimlich ein Portfolio entstehen, das als Ganzes so nicht bewusst geplant war. Man kann also sehr viele vernünftige Einzelentscheidungen treffen und sich trotzdem eine unvernünftige Struktur bauen.
Die Reibung als unbeabsichtigte Disziplin
Der naheliegende Einwand ist berechtigt: Portfolios mit zu vielen kleinen Positionen gab es lange vor generativer KI. Anleger haben schon immer neue Ideen gesammelt, alte Thesen nicht konsequent beendet und sich über Jahre einen finanziellen Bauchladen gebaut.
Dafür brauchte es kein Sprachmodell.
Was sich verändert hat, ist allerdings die Geschwindigkeit. Eine neue Idee begegnet mir morgens in einem Podcast oder auf Social Media, lässt sich mittags mit KI durchleuchten und am Nachmittag über den Broker kaufen. Der gesamte Weg von der ersten Aufmerksamkeit bis zur umsetzbaren Investmentthese ist wesentlich kürzer geworden.
Früher kostete eine ernsthafte Idee Zeit. Geschäftsberichte mussten gesucht und gelesen, Kennzahlen zusammengetragen, Branchen verstanden und Gegenargumente selbst entwickelt werden. Dieser Aufwand war nicht per se gut, hatte aber eine unbeabsichtigte disziplinierende Wirkung: Schon aus Zeitgründen konnte man nicht jede interessante Geschichte bis zur Kaufreife treiben.
Ein großer Teil dieser Reibung verschwindet nun zusehends. Das ist selbstverständlich auch ein Fortschritt. Informationen sind breiter verfügbar, Analysen werden besser zugänglich und auch Privatanleger können heute eine Qualität der Vorarbeit erreichen, die früher deutlich mehr Aufwand abverlangt hätte.
Aber die Kehrseite ist ebenso simpel wie tückisch: Es wird leichter, eine Idee zu entdecken, leichter, sie überzeugend zu begründen, und leichter, sie anschließend umzusetzen.
In einer Welt billiger Investmentthesen wird „Nein“ wertvoller.
Was sich mit VFG für mich verändert hat
Die Analyse des einzelnen Bausteins bleibt wichtig. Heute beginnt die Entscheidung für mich nur deutlich früher auf Portfolioebene.
Eine kleine Position besitzt noch keine Funktion, nur weil sie klein ist.
3 % sind keine Portfoliologik.
Gerade im Growth-Bereich kann eine begrenzte Gewichtung sehr sinnvoll sein, wenn hohe Unsicherheit und asymmetrisches Potenzial bewusst zusammengehören. Dann sollte aber klar sein, welche Chance abgebildet wird, welches Risiko akzeptiert wird und weshalb gerade dieser Baustein im Gesamtsystem einen Platz verdient.
Problematisch wird eine kleine Position dort, wo ihre Größe die fehlende Verortung ersetzt.
„Interessant, aber unsicher, deshalb 3 %“ reicht mir heute nicht mehr.
Welche Aufgabe soll dieses Investment erfüllen? Stabilität? Langfristiger Mehrwert? Eine bewusst begrenzte Growth-Chance mit asymmetrischem Potenzial? Erst danach interessiert mich die Größe.
Die Ersatzfrage
Bei einer neuen Investmentidee stelle ich mir deshalb zunehmend eine einfache Frage: Wo wäre dieses Geld besser aufgehoben?
In der neuen Idee? In einem bestehenden ETF? In einer bereits vorhandenen Aktie? In einem anderen Baustein? Oder vorerst schlicht als Cash?
Im Grunde sind das Opportunitätskosten in Alltagssprache. Eine neue Idee muss nicht nur gut sein. Sie muss zumindest plausibel besser sein als die vernünftigen Alternativen, die für dasselbe Kapital bereits existieren. Frisches Kapital beseitigt Opportunitätskosten nicht. Es macht sie nur weniger sichtbar.
Ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis
Bei der späteren Prüfung eines neuen KI-ETFs wurde dieser Unterschied für mich sehr konkret. Das Produkt war nachvollziehbar konstruiert, die Kosten erschienen vertretbar, das Thema KI langfristig relevant und die Investmentthese plausibel.
Früher wäre der nächste Gedanke vermutlich gewesen: interessante Story, vernünftiges Produkt, vielleicht 3 % als Satellit.
Diesmal war die Frage eine andere: Wäre dieses Geld dort tatsächlich besser aufgehoben als in meinen bestehenden Bausteinen oder als Cash?
Darauf hatte ich keine überzeugende Antwort. Der Fonds hätte keine erkennbare Lücke geschlossen, sondern wäre neben bereits vorhandene Bausteine mit teilweise ähnlicher Ausrichtung getreten. Interessant, aber nicht notwendig.
Das Produkt war dadurch nicht schlechter geworden. Auch die Analyse hatte sich nicht fundamental verändert. Verändert hatte sich der Maßstab. Aus einer Produktentscheidung war eine Portfolioentscheidung geworden.
Auch die Ersatzfrage ist kein Dogma
Natürlich lässt sich die beste Verwendung eines zusätzlichen Euro nicht immer eindeutig bestimmen. Ein ETF, eine Einzelaktie und Cash erfüllen unterschiedliche Funktionen, und eine neue Idee kann sehr wohl eine Lücke schließen, die im bestehenden Portfolio bisher nicht abgedeckt war.
Die Ersatzfrage soll deshalb keine mathematische Rangliste produzieren. Sie zwingt mich nur dazu, die neue Idee in Beziehung zum bestehenden System zu setzen, bevor „zusätzlich“ zur automatischen Antwort wird.
Wenn eine neue Chance stark genug ist, kann das Ergebnis selbstverständlich lauten, Kapital neu zu verteilen oder das Portfolio um eine neue Funktion zu erweitern. Ein Rahmen soll ordnen, nicht einbetonieren.
Ein Portfolio ist kein Sammelalbum guter Ideen
Ein Portfolio ist ein System aus begrenztem Kapital, limitierter Aufmerksamkeit, unterschiedlichen Funktionen und bewusst eingegangenen Risiken. Jede zusätzliche Position beansprucht einen Teil dieser Ressourcen.
Auf die relevante Frage stößt man deshalb dort, wo die Analyse des einzelnen Investments endet: Ist es attraktiv genug, um einen Platz zu verdienen?
Der Gedanke zu Leopold Aschenbrenner führt dieselbe Logik für mich noch eine Ebene weiter. Eine gute Einzelidee macht noch kein gutes Portfolio. Und eine starke These allein macht noch keine robuste Struktur.
Die Qualität liegt in beiden Fällen nicht nur im Baustein, sondern auch in dem System, in das man ihn einbaut.