Ich frage mich, ob die Rückkehr zu billigem Geld ausbleiben könnte. Neue Technologien, Klimaschutz, Verteidigung und lange aufgeschobene Erneuerung beanspruchen gleichzeitig viel Kapital. Viele Staaten starten bereits mit hohen Schulden in diese Phase.
Am 6. Oktober 2026 meldete die APA für Österreichs 10-jährige Bundesanleihe eine Rendite von 3,69 %, den höchsten Stand seit März 2011. Euronews berichtete für Frankreich von zeitweise 5 % bei 10-jährigen Staatsanleihen.1 Solche Momentaufnahmen beweisen zwar keinen langfristigen Trend, aber sie machen die Frage für mich greifbar.
Meine These: Hoher zukünftiger Kapitalbedarf und Risiken aus wachsenden Staatsschulden könnten langfristige Finanzierungskosten länger erhöht halten. Selbst mit sinkenden Leitzinsen könnte die Rückkehr zum Zinsniveau der Niedrigzinsjahre ausbleiben.
Mehrere Investitionszyklen, die sich überlagern
KI benötigt Chips, Rechenzentren, Kühlung und Stromversorgung. Ein erheblicher Teil dieser Infrastruktur muss gebaut und bezahlt werden, bevor sich die erwarteten Produktivitätsgewinne entfalten.
Parallel treibt die Dekarbonisierung zur Bekämpfung des Klimawandels die Elektrifizierung von Wärme, Mobilität und Industrie voran. Strom aus emissionsarmen Quellen soll fossile Energieträger ersetzen. Dafür braucht es Erzeugungsanlagen, Netze und Speicher.2 Der Strombedarf neuer Rechenzentren kommt hinzu und verbindet beide Investitionszyklen besonders eng.3
Der Ausbau der Verteidigungsfähigkeit verlangt Ausrüstung, Infrastruktur und Produktionskapazitäten. Deutschland hat dafür seinen finanziellen Spielraum erweitert.4 Zugleich müssen über Jahre aufgeschobene Investitionen in Schulen, Straßen und andere öffentliche Einrichtungen nachgeholt werden.5
Diese Vorhaben überschneiden sich teilweise und haben unterschiedliche Laufzeiten. Ihre zeitliche Überlagerung könnte Kapital, Fachkräfte und Produktionskapazitäten über Jahre beanspruchen.
Was das für Zinsen bedeuten könnte
Hoher Investitionsbedarf allein garantiert keine hohen Zinsen. Wenn allerdings die Investitionswünsche stärker wachsen als die Sparbereitschaft, kann der reale Gleichgewichtszins steigen. Philip Lane diskutiert diesen Zusammenhang in einer EZB-Rede zu KI und Geldpolitik. Engpässe bei der Energieversorgung können während des Aufbaus zudem die Inflation erhöhen.6
Staatsverschuldung und Risikoaufschläge
Zum Investitionsbedarf kommt ein weiterer Einfluss auf die Finanzierungskosten hinzu. Staaten finanzieren einen Teil der Investitionen, decken laufende Defizite und refinanzieren fällige Schulden. Der IWF erwartet einen Anstieg der weltweiten Staatsverschuldung von knapp 94 % der Wirtschaftsleistung 2025 auf 100 % bis 2029.7
Mehr Anleihen müssen also Käufer finden. Hält die Nachfrage nicht Schritt, können höhere Renditen nötig werden. Zudem können Anleger eine höhere Laufzeitprämie verlangen, also mehr Vergütung für Unsicherheit über künftige Zinsen und Inflation.8 Die BIZ beschreibt fiskalische Belastungen bereits als einen Treiber solcher Prämien.9
Zweifel an der Schuldentragfähigkeit können zusätzlich länderspezifische Risikoaufschläge erhöhen. Das ist allerdings kein Automatismus: Wachstum, Haushaltsentwicklung und Vertrauen beeinflussen die Bewertung. Höhere staatliche Finanzierungskosten können auch auf Unternehmen und Banken ausstrahlen.10
Langfristige Renditen enthalten Erwartungen über künftige Leitzinsen und zusätzliche Prämien. Ein EZB-Blogbeitrag beschreibt, wie die Zinskurve 2025 vor allem durch höhere langfristige Renditen steiler wurde. Fast die gesamte Veränderung entfiel auf die reale Zinskomponente, bei weitgehend stabilen Inflationserwartungen.8 Kapital kann also auch ohne höhere Inflationserwartungen teurer werden.
Bei ihrer Zinserhöhung im September 2026 verwies die EZB zugleich auf den Inflationsdruck durch den Nahostkonflikt.11 Ein Frieden könnte der EZB zwar Spielraum geben und auch langfristige Renditen senken. Meine Erwartung ist jedoch, dass der hohe Investitionsbedarf, staatlicher Finanzierungsdruck und Risikoprämien die Entlastung am langen Ende begrenzen.
Sinkende Leitzinsen wären noch keine Rückkehr zu billigem Kapital.
„Higher for longer and longer“ ist damit meine Arbeitshypothese für die nächsten 5 bis 10 Jahre. Dieser Zeitraum ist keine aus den Investitionszahlen ableitbare Prognose.
Was würde länger teures Kapital für meine eigenen Finanzen bedeuten? Die Prüfung beginnt bei Finances, dem Fundament im VFG-Modell: Welche Verpflichtungen bestehen? Wann laufen Finanzierungen aus? Wo brauche ich künftig billigeres Kapital? Darauf bauen die 3 Schichten Stabilität, Value und Growth auf.12
Stabilität: Handlungsfähigkeit erhalten
Die Geldreserve verschafft Zeit und verhindert, dass ich unter Druck Investments verkaufen muss. Höhere Habenzinsen erleichtern ihre Haltung; für den Kaufkrafterhalt zählen allerdings auch Inflation und Steuern. Diversifikation begrenzt außerdem meine Abhängigkeit von der Zinsthese. Die Stabilitätsschicht soll auch tragen, wenn meine Einschätzung falsch ist.
Value: Wer verdient seine Kapitalkosten?
Investitionen von Unternehmen müssen genügend Ertrag liefern, um Finanzierung und Eigenkapitaleinsatz zu rechtfertigen. Gesellschaftlicher Bedarf und wirtschaftlicher Wert für Aktionäre können dabei auseinanderfallen. Ich würde deshalb stärker auf freien Cashflow, Kapitalrendite und Refinanzierung achten: Was bleibt nach notwendigen Investitionen? Welcher Kaufpreis lässt genügend Spielraum?
Bei Immobilien können höhere Renditeanforderungen die Objektwerte drücken und teurere Anschlussfinanzierungen den Cashflow belasten.10 Dazu kommen Investitionen in die Dekarbonisierung der Gebäude. Mich interessiert deshalb, was nach Zinsen, Instandhaltung und energetischem Umbau von den Mieterträgen bleibt. Eine breite Erholung der Immobilienbewertungen allein durch sinkende Renditeanforderungen würde ich kurz- bis mittelfristig nicht einplanen.
Growth: Chancen mit begrenztem Einsatz
Die Investitionswellen eröffnen Chancen für Unternehmen, die die vielbeschworenen Engpässe lösen: bei Stromversorgung, Kühlung, Rechenleistung, Fertigung oder Bauvorhaben. Wettbewerb und neue Kapazitäten können solche Vorteile aber wieder schmälern. Und der Aktienkurs kann bereits viele erfolgreiche Jahre vorwegnehmen.
Growth bedeutet vor diesem Hintergrund für mich, solche Möglichkeiten mit begrenztem Einsatz offenzuhalten. Dazu gehören eine plausible These und genügend Potenzial beim heutigen Preis. Mögliche Verluste müssen verkraftbar bleiben; die Reserve der Stabilitätsschicht steht dafür nicht zur Verfügung.
Woran die These scheitern könnte
Ein erster Einwand betrifft Europa: Es könnte KI nutzen und produktiver werden, während der Infrastrukturaufbau überwiegend in den USA und China stattfindet. Bei hoher Sparbereitschaft wäre dann sogar Druck auf den europäischen Gleichgewichtszins nach unten denkbar. Lane beschreibt diesen regionalen Unterschied.6 Wie stark die übrigen Investitionswellen hier ausfallen, bleibt allerdings relevant.
Auch die Elektrifizierung hat 2 Phasen: hohe Anfangsinvestitionen und später möglicherweise niedrigere Betriebskosten und Energieimporte.2 Produktivitätsgewinne, zusätzliche Ersparnisse oder weniger kapitalintensive KI könnten den Zinsdruck ebenfalls dämpfen.6
Außerdem werden Budgets nicht vollständig umgesetzt. Laut KfW geben Kommunen erfahrungsgemäß nur etwa 2/3 ihres geplanten Investitionsvolumens tatsächlich aus. Genehmigungen, Vergabeverfahren und Personalmangel bremsen Vorhaben.5 Für die These zählt deshalb, was gebaut wird.
Meine These verliert an Gewicht, wenn Investitionen ausbleiben oder langfristige reale Finanzierungskosten trotz anhaltenden Ausbaus und hoher Verschuldung dauerhaft deutlich sinken. Auch eine anhaltende Rückkehr zu billigem langfristigem Kapital nach einem Frieden im Nahen Osten spräche gegen meine Erwartung.
Was ich daraus mitnehme
Wenn hoher Investitionsbedarf auf angespannte Staatsfinanzen trifft, sollte die Rückkehr zu billigem Kapital aus meiner Sicht keine Voraussetzung für ein gutes Investment sein. Ich möchte deshalb stärker prüfen, wer höhere Finanzierungskosten tragen kann und genügend Ertrag aus dem zusätzlichen Kapitaleinsatz erwirtschaftet.
Das betrifft auch meine Bankaktien. Eine steilere Zinskurve garantiert noch keine höheren Gewinne. Bei Zinssenkungen können Krediterträge schneller fallen als Einlagenkosten.13 Zusätzliche Kreditnachfrage hilft nur, wenn Marge, Kapitalbedarf und Kreditqualität stimmen. Ebenso interessiert mich, wie Staatsrisiken auf die eigene Refinanzierung und auf Staatsanleihenbestände wirken.10 Trägt meine Bankthese auch dann, wenn die Leitzinsen sinken, während langfristige Finanzierung teuer bleibt?